Weiterhin am Puls der Zeit

Festakt zum 50-jährigen Schuljubiläum der Hilde-Domin-Schule Herrenberg

Am Samstag vor dem ersten Advent strömten zusätzlich zu den Besuchern des traditionellen Adventsbasars auch zahlreiche geladene Gäste ins Herrenberger Längenholz um das 50-jährige Jubiläum der Hilde-Domin-Schule mit einem Festakt zu feiern. Neben Landrat Roland Bernhard, dem Herrenberger Oberbürgermeister Thomas Sprißler, Markus Heinkele vom Regierungspräsidium Stuttgart, Alfred Schmid, dem Dezernenten für Bildung und Soziales beim Landkreis Böblingen, den ehemaligen Schulleitern Hermann Saur und Elfriede Betz, befanden sich Mitarbeiter*innen von Landkreis und Stadt, Kooperationspartner, Eltern- und Schülervertreter*innen sowie aktuelle und ehemalige Kolleginnen und Kollegen im Publikum.

Verschiedene Grußworte, eine Rede von Schulleiterin Marion Schönhaar sowie künstlerische Beiträge wechselten sich ab. Aufgelockert wurde die Feier durch verschiedene Musikstücke der „Rhythmusbateria“ des Erzieheroberkurses mit Musiklehrerin Sigrun Krätschmer, die zahlreichen Alltagsgegenständen wie Regentonnen und Nähmaschinen eine Melodie entlockten. Schüler*innen der Klasse PIA2 unter Leitung von Lehrerin Regina Leh entwickelten zwei rhythmisch-musikalischen Szenen, in denen die Tageszeitung die Hauptrolle spielte. In einer Szene skandierten Schülerinnen: „Wir feiern heut die Hilde und gratulieren ihr.“ Mit viel Esprit und Wortwitz moderierte Lehrerin Jenny Lange die Veranstaltung.

Im ersten Grußwort verwies Landrat Roland Bernhard darauf, dass die Geschichte der Schule weiter als 50 Jahre zurückreiche. Bereits 1902 wurde die erste Frauenarbeitsschule eingerichtet, 1969 übernahm der Landkreis Böblingen die Trägerschaft. In den Anfangsjahren der Haus- und Landwirtschaftlichen Schule waren die Schulstandorte über ganz Herrenberg verteilt. 1983 wurde ein gemeinsames Gebäude vom Kreis beim Stararchitekten Günter Behnisch in Auftrag gegeben, 2007 plante dessen Sohn Stefan den Erweiterungsbau. Die lichtdurchflutete, transparente und den Menschen zugewandte Architektur spiegele den Geist der Schule wider. 2012 gab es den großen Durchbruch, da mit der Einrichtung des sozial- und gesundheitswissenschaftlichen Gymnasiums junge Menschen nun auch in Herrenberg ihr Abitur an einem Beruflichen Gymnasium ablegen konnten. 2013 konnte die praxisintegrierte Erzieherausbildung eingerichtet werden. Diese sei insbesondere auch ein wichtiges Angebot für Städte und Gemeinden, die händeringend Erzieher*innen suchen. Bernhard betonte: „Es freut mich, dass auch soziale Berufe in einem Industrielandkreis ein hohes Standing haben.“ Kompetente Lehrkräfte, ehrenamtliche Paten und zahlreiche außerschulische Angebote wie Theatervorstellungen von Schüler*innen der Abteilung Sozialpädagogik, das Gedichteprojekt, Nachhaltigkeit und Europa zeigen, dass die „Schule am Puls der Zeit“ sei. Als besonderes Bonbon verwies Landrat Bernhard auf den im Dezember noch vom Kreistag zu beschließendem Haushaltsplan, in dem 400.000 € für die Einrichtung eines Skills Lab für die generalistische Pflegeausbildung eingestellt sind. Das Skills Lab soll die Simulation von komplexen Pflegesituationen ermöglichen. Damit würde neben Ludwigsburg an der Hilde-Domin-Schule das erste Skills Lab in Baden-Württemberg an einer staatlichen Schule eingerichtet. Bernhard schließt mit einem Zitat von Hilde Domin „nicht müde werden“ und appelliert an die Schulgemeinschaft dies weiterhin in ihrer Arbeit zu beherzigen.

Der Herrenberger Oberbürgermeister Thomas Sprißler bezog sich in seinem Grußwort auf Hilde Domin. Das Alter spiele keine Rolle, solange man sich Neugierde und das Nachfragen bewahre. Er schilderte die große Bedeutung Fachkräfte im Bereich Pflege und Sozialpädagogik zu gewinnen und verwies auf die Kitaoffensive der Stadt Herrenberg mit dem Neubau von fünf neuen Kitas und den daraus folgenden hohen Bedarf an Fachkräften. Mit einem Augenzwingern forderte er Landrat Bernhard auf, dem Prinzip der Regionalität zu folgen und die an der Herrenberger Schule ausgebildeten Erzieher*innen vor Ort einzusetzen. Dann habe man in Herrenberg ein Problem weniger.

Nun folgte eine Lesung von im Rahmen des Gedichteprojektes „Bewegt – jugendlich – einzigartig“ entstandenen Gedichten. Die beiden verantwortlichen Lehrerinnen, Sibylle Schorpp und Christine Kegreiß beleuchten den Projekthintergrund und stellten die drei Schüler*innen vor, die ihr Gedicht vortrugen. Rem, eine Schülerin mit Fluchterfahrung aus dem Libanon, las aus ihrem Gedicht „Schwimmflügel“. Muhammed, im letzten Schuljahr BEJ-Schüler und mittlerweile junger Vater beleuchtet in „Der Unterschied“ die Unterschiede zwischen einem Kind in Afghanistan und Deutschland. Kilian, ein ehemaliger BEJ-Schüler und nun angehender Kinderpfleger betrachtete „die Farben des Alltags“. Lukas Flock, Schüler in der Erzieherausbildung hatte sich zu jedem Gedicht eine eigene Melodie überlegt und begleitete die Lesung eindrucksvoll am Klavier.

Markus Heinkele, Referent am Regierungspräsidium Stuttgart knüpfte an die bewegenden Gedichte an und appellierte an die Zuhörer*innen auf dem Adventsbasar einen Gedichteband zu erwerben und damit das Projekt zu unterstützen. Er übermittelte Grüße von der Abteilungspräsidentin der Abteilung 7 „Schule und Bildung“ am Regierungspräsidium Stuttgart Claudia Rugart sowie von Martin Sabelhaus, dort zuständig für das Referat Berufliche Bildung. Heinkele betonte, dass einen fünfzigjährigen Jubilar stets das Gefühl die beste Zeit bereits hinter sich zu haben, begleite und dass dies einen starken Kontrast zur Hilde-Domin-Schule darstelle: „Hier ist der Lack noch hochglänzend, weil Sie ihn jeden Tag in Ihrer Arbeit aufpolieren.“ Die Profile der Schule stellten zudem Themen von hoher gesellschaftlicher Bedeutung dar. Pfleger*innen und Erzieher*innen würden in unserer heutigen Gesellschaft immer stärker benötigt. Die Hauswirtschaft und der Bereich Berufsvorbereitung spielten eine große Bedeutung in der Integration von Jugendlichen und die Landwirtschaft müsse nicht nur die Ernährung der Bevölkerung sicherstellen, sondern sich auch dem Klima- und Artenschutz widmen. Daher sei die Hilde-Domin-Schule eine „Schule, die aktiv an unserer Zukunft mitarbeitet.“

Schulleiterin Marion Schönhaar hob in ihrer Rede schlaglichhaft Episoden zur Schulgeschichte sowie zum Schulklima und zur Lernkultur damals und heute heraus. Sie verwies darauf, dass vor 50 Jahren die Landwirtschaftliche Schule, die Fachschule für Kinderpflege und die Frauenarbeitsschule, die sog. Knopflochkaserne zur Haus- und Landwirtschaftlichen Schule, wenn auch an unterschiedlichen Standorten über Herrenberg verteilt, vereinigt worden waren. Erste Schulleiterin wurde die bisherige Leiterin der Frauenarbeitsschule Gertrud Kraus. Bei ihr handelte es sich um ein Herrenberger Original. Sie organisierte zahlreiche Ausflüge für ihre Schülerinnen, damit diese etwas anderes als ihre Dörfer im Heckengäu kennen lernten, veranstaltete legendäre Gartenfeste in der Villa Krauß und kümmerte sich ganzheitlich um ihre Lehrerinnen. So konnte es sein, dass Frau Krauß kranken Kolleginnen einen Hausbesuch abstattete, um einen Eintopf vorbei zu bringen. Das Privat- und Arbeitsleben sei heute stärker getrennt, aber der Zusammenhalt im Kollegium werde immer noch hochgehalten, ebenso sei diesem die individuelle Begleitung der Schüler*innen sehr wichtig.

Die Schüler der Abteilung Landwirtschaft waren damals hauptsächlich Männer, stammten aus Familien mit Bauernhöfen und trieben allerhand Schabernack mit den jungen Kolleginnen. So fand eine Kollegin ihren Kleinwagen aufgebockt auf einem gemauerten Gartenpfosten wieder. Während die Klassen früher relativ groß waren, handelt es sich heutzutage um Kleinstklassen, in denen neben jungen Männern auch junge Frauen zu finden sind und viele nicht vom Bauernhof stammen. Wer die Ausbildung bewältigt zeigt, dass er bzw. sie hart arbeiten kann mit jeglichem Material und Gerät und hat gute Jobaussichten.

1972 konnte die Fachschule für Sozialpädagogik eingerichtet werden. Die neuen Kolleginnen und Kollegen entwickelten die pädagogische Ausrichtung sowie besondere Lernprojekte wie die Lesenächte mit viel Engagement und Diskussionsfreude selbst.

Im Jahr 1983 konnte man endlich in ein gemeinsames Schulgebäude im Herrenberger Längenholz umziehen. Dieses von Günter Behnisch entworfene dekonstruktivistische und lichtdurchflutete Gebäude spiegele das pädagogische Verständnis damals und heute wieder. In die Entwicklung wurde zudem das damalige Kollegium einbezogen. Kurze Zeit nach dem Umzug wurde der heute noch existierende Adventsbasar ins Leben gerufen.

1989 wurde die Altenpflegeausbildung als neue Schulart eingerichtet. Zunächst nahm dies einen schleppenden Beginn: die Klassen waren schwer zu füllen und es gab viele ältere Teilnehmerinnen nach der Familienphase. Heute beginnen viele junge Menschen eine Ausbildung zu Pflegefachkraft, trotzdem sind die Pflegeklassen die heterogensten Klassen an der Hilde-Domin-Schule was die Altersstruktur und die Bildungsbiografie angeht. Geprägt ist die Abteilung von einer intensiven persönlichen Begleitung. Ab dem nächsten Jahr startet zudem die generalistische Ausbildung an der Hilde-Domin-Schule.

Die Hilde-Domin-Schule gehörte zu den ersten Schulen im Land Baden-Württemberg, die sich unter dem damaligen Schulleiter Hermann Saur am OES-Prozess (operativ eigenständige Schule) beteiligten und ein Leitbild und eine Feedbackkultur entwickelten sowie Projektmanagement und eine datengestützte Evaluation einführten. Schulleiterin Schönhaar sieht hier einen Hauptunterschied zu den Anfängen: „Wir haben uns professionalisiert, viele Verwaltungsaufgaben sind hinzugekommen von der z.T. schulscharfen Lehrereinstellung, über den Arbeitsschutz bis hin zur Öffentlichkeitsarbeit.

2012 konnte außerdem mit dem Sozial- und gesundheitswissenschaftlichen Gymnasium eine weitere neue Schulart eingerichtet werden. Mittlerweile stellen die rund 150 SGG-Schüler*innen einen großen Anteil an der Schülerschaft, zahlreiche Neueinstellungen verjüngten das Kollegium und ein eigenes Profil im SGG wurde kompetent entwickelt.

Im ersten Jahr von Marion Schönhaar als Schulleiterin ereignete sich 2016 während die Flüchtlingskrise. Z.T. gab es vier VABO-Klassen für geflüchtete junge Menschen ohne Deutschkenntnisse. Mit der Erfahrung des Kollegiums aus vergangenen Flüchtlingskrisen konnte dies gut bewältigt werden.

Für die Zukunft sieht Schönhaar neue Schularten und neue Unterrichtsmethoden. „Gesundheitsförderung und Nachhaltigkeit verbindet uns alle als wichtiger Teil der Schulkultur. Angesichts des raueren Tons in der Gesellschaft stellt auch die Prävention von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit eine wesentliche Aufgabe dar.“ Die Digitalisierung mit ihren Chancen und Risiken muss auch in der Schule entsprechend umgesetzt und behandelt werden. Der Landkreis Böblingen biete hier mit der Einrichtung eines schulweiten WLANS, dem Anschluss ans Glasfasernetz, Unterstützung beim Aufstellen eines Medienentwicklungsplans und einer Finanzierung des Skills Labs für die generalistische Pflegeausbildung sehr gute Unterstützung.

Neben allen Veränderungen bewertet Schönhaar als zentral die „persönliche Betreuung damals, heute und morgen. Der einzelne Mensch steht im Mittelpunkt ihn müssen wir stärken.“

Es folgte ein Video der Abteilung Pflege, in dem die Karrierewege von zwei ehemaligen Auszubildenden und einer Lehrerin dargestellt wurden und sich die Abteilung als bunt, dynamisch, zukunftsorientiert und authentisch präsentierte.

Nach dem offiziellen Festakt konnten sich die Festgäste mit Fingerfood stärken, bei Sekt und kalten Getränken viele Gespräche führen und ausgewählte Gedichte aus dem Gedichteprojekt lesen. Im Anschluss besuchten viele noch den Adventsbasar der Schule und deckten sich mit dem ein oder anderen Dekoartikel für die Weihnachtszeit ein.