Praktikum in Spanien: Zweiter Bericht der Schülerinnen

Halbzeit: Spanien geht in Führung und ist jetzt schon ganz klar der Gewinner unserer drei Herzen

Lesen Sie hier den 2. Bericht der Sozialpädagogik-Schüler*innen von ihrem Ersamus+-Praktikumseinsatz auf Mallorca.

 

Die vierte Arbeitswoche in Palma de Mallorca startete mit dem Valentinstag oder wie man auch hier den Tag der Liebe nennt: „San Valentín“. Diese Woche brachte eine weitere Besonderheit mit sich, die Praxisbesuche standen vor der Tür! Frau Rauch und Frau Thiem besuchten uns am Montag und Dienstag in den jeweiligen Einrichtungen. Bei den Praxisbesuchen wurde nach einer Führung durch die Einrichtung ein Reflexionsgespräch mit den Lehrerinnen und den jeweiligen Anleiterinnen durchgeführt. Dort sprachen wir nicht nur über unsere Erfahrungen, sondern auch über unsere Ziele und Wünsche für die zweite Hälfte unseres Aufenthaltes in Palma.

Im Vergleich der spanischen Pädagogik zur in Deutschland praktizierten sind uns sowohl einige Unterschiede als auch Gemeinsamkeiten aufgefallen. So bemerkten wir einen großen Unterschied bei den Betreuungsschlüsseln der zwei EU-Länder. Während in Deutschland im Ü3-Bereich auf zehn Kinder eine Fachkraft kommt, kann es in Spanien sein, dass auf eine*n Erzieher*in bis zu 26 Kinder kommen.

In der Einrichtung “El Mesmenuts” war Sarah in den ersten zwei Wochen in der „Vogel-Gruppe” - auf Katalanisch „Ocellets“ - in der die Babys im Alter von null bis ein Jahr sind. Danach arbeitete Sarah zwei Wochen in der „Hasen-Gruppe” - auf Katalanisch „Conills“. Diese wird von Kindern zwischen ein und zwei Jahren besucht. In den letzten drei Wochen wird Sarah dann noch in die „Pferde-Gruppe“ - auf Katalanisch „Cavallets” - gehen, in der Kinder im Alter von zwei bis drei Jahren betreut werden. Alle drei Gruppenräume sind unterschiedlich gestaltet, darüber entscheidet die jeweilige Erzieherin. Alle drei Erzieherinnen haben sich dafür entschieden, Spielzeuge nicht frei zugänglich für die Kinder zu platzieren. Die Einrichtung an sich hat eine Raumgestaltung, die stark an die Reggio-Pädagogik erinnert. Alle Zimmer sind mit dem Flur verbunden und haben durchsichtige Türen sowie lange und breite Fenster, durch welche die Kinder den Blick nach draußen in den Außenbereich haben. So können die Kinder auch beobachten, was die anderen Kindergruppen machen.

Der Tag beginnt immer mit Freispiel und anschließendem Morgenkreis, in denen Lieder wie “Bon Dia”, das zur Begrüßung gesungen wird, oder das Lied „Tipi, tipi, tap“. Dies ist ein Lied über das Wetter, welches den Kindern dabei helfen soll, ihre Wetterkenntnisse zu verbessern. Die pädagogischen Fachkräfte möchten, dass die Kinder anhand eines Blickes nach draußen immer feststellen, wie das aktuelle Wetter ist. Dies wird dann an der Wand anhand von Symbolen festgehalten. Inzwischen kann Sarah die Lieder schon gut mitsingen, auch wenn es anfangs etwas schwierig war, da alle Lieder auf Katalanisch gesungen werden. Ein weiterer Bestandteil des Morgenkreis ist, dass immer ein Kind Bilder von allen Kindern bekommt und dann sagt, ob das jeweilige Kind an diesem Tag in der Einrichtung ist oder nicht. Wenn das jeweilige Kind in der Einrichtung ist, dann bekommt es das Bild und darf sein Bild an die Wand hängen. Anschließend frühstücken die Kinder gemeinsam. An den meisten Tagen bekommen die Kinder zum Frühstück Obst, außer freitags nicht - da gibt es die mallorquinische Spezialität „Pa amb Oli“. Das ist Brot mit Tomate und Olivenöl, das mit Käse und Schinken serviert wird, darauf freuen sich die Kinder immer sehr. Nach dem Frühstück werden verschiedene Aktivitäten oder Installationen mit den Kindern durchgeführt oder man geht in den Außenbereich. Eine gute Aktivität oder Installation hat hier den Sinn, dass sich die Kinder ohne Impulse der Erzieher*innen damit auseinandersetzen und weiterentwickeln. Die Installationen sind je nach Angebot themenbezogen oder auch nicht. Beispielsweise waren zwei große Themen Winter und Karneval. Zum Thema Winter hat Sarah auch ein kleines Bildungsangebot in der „Conills-Gruppe“ gemacht. Um 12 Uhr gibt es dann auch schon das Mittagessen. Danach werden die Kinder zum Mittagsschlaf hingelegt und Sarah macht sich auf den Nachhauseweg.

In der privaten Einrichtung „Colegio Cooperativa Son Verí Nou“ hat Jana zu Beginn des Praktikums einen Stundenplan erhalten, anhand dessen sie viele Eindrücke in allen Altersgruppen der vorschulischen Betreuung erhalten kann. Zwischen 9 und 12 Uhr begleitet sie immer eine Kindergruppe durch den Vormittag und somit durch unterschiedliche Unterrichtseinheiten und Freispielzeiten. Zwischen 11 und 12 Uhr ist in jeder Gruppe und an jedem Tag eine Stunde Freispiel im „Patio“, dem Außengelände, vorgesehen. In diesem können sich die Kinder mit unterschiedlichen Spielmaterialien, wie Rutschautos, Tretroller und unterschiedlichen Spielgeräten selbstständig beschäftigen. Aufgrund der Corona-Pandemie werden die abgegrenzten Bereiche täglich gewechselt. Im Anschluss folgt dienstags und donnerstags die Begleitung beim Mittagessen der jüngeren Kinder (0-3 Jahre), bei dem sie die Erzieher*innen durch die Essensausgabe oder durch die Begleitung einzelner Kinder beim Essen unterstützt. An den anderen Wochentagen nimmt sie am Englischunterricht der 5-jährigen Kindergruppe teil. In der letzten Stunde ihres Arbeitstages, zwischen 13 und 14 Uhr, essen die 4- und 5-jährigen Kinder gemeinsam in einem großen Essensraum. Täglich betreut sie die insgesamt etwa 40 Kinder beim Verzehr von oft traditionellen spanischen Gerichten.

Ihre Anleiterin Marie José, die die Erzieherin in der Gruppe der vierjährigen Kinder ist, ist in Mallorca aufgewachsen und arbeitet seit der Eröffnung der Einrichtung im Jahr 2004 dort. Sie begleitet, wie alle anderen Erzieher*innen in der Einrichtung auch, jeweils eine Kindergruppe vom Eintritt in den Kindergarten bis zum Übergang in die Grundschule. Somit bleiben die Kinder als feste Gruppe drei Jahre lang bei derselben Bezugsperson. Zwischen 9 Uhr und 15:30 Uhr werden die Kinder anhand eines festen Stundenplans betreut und teilweise auch, dem Anschein nach, unterrichtet. Musik- und Englischstunden zum Beispiel werden so von Lehrer*innen übernommen, die ebenfalls der Einrichtung angehören, aber nicht primär für die Kinderbetreuung angestellt sind. Das Team der „infantil“-Abteilung, also die Betreuenden der Kinder von 0-5 Jahren, arbeiten eng zusammen. So werden beispielsweise in der wöchentlichen Teamsitzung Angebote geplant oder an festen Zeiten in der Woche bieten die Erzieher*innen für jeweils eine andere altershomogene Kindergruppe spezielle Förderung an. So werden beispielsweise mit dem Kamishibai Geschichten erzählt.

Louisas Einrichtung „Es Liceu“ ist eine teils staatliche, teils private Einrichtung. Dies hat Auswirkungen auf den sprachlichen Bereich. Da Mallorca zu Katalonien gehört, wird in dieser Schule auch die katalanische Sprache gelehrt und somit auch in jeglicher Kommunikation verwendet. Gerade für Spanisch-Einsteiger stellt dies eine große Herausforderung beim Spracherwerb dar, so auch bei Louisa. Trotz dieser Schwierigkeiten entwickelte sich die Arbeit in der Schule zu einer großen Freude. Gerade die Räumlichkeiten geben den Kindern viele Möglichkeiten und so auch den dort arbeitenden Fachkräften. Zu den Besonderheiten gehören der Bewegungsraum, der voller Matten, aber auch festen Bewegungsgeräten ist und der sogenannte „Ludodega“ - ein Rollenspielraum, wie er im Bilderbuch stehen könnte. Dort befinden sich mehrere Themenabteile wie beispielsweise ein Friseursalon mit echten Haarwaschbecken.

Der Arbeitstag von Louisa gliedert sich in Schulstunden. Dies bedeutet, dass sie die Gruppen innerhalb der Einrichtung je nach Tag unterschiedlich wechselt. Das Mittagessen und die Freispielzeit danach begleitet sie jedoch täglich bei einer vierjährigen Gruppe. Dies hat den Vorteil, dass die verschiedenen Erzieher*innen und die jeweilige Arbeitsweise beobachtet werden können. Schon die Gruppenräume lassen Verschiedenheiten erkennen, denn die jeweiligen Gruppenräume und Freispielzeiten dürfen sehr individuell von der*m Haupterzieher*in gestaltet werden. Mindestens einmal pro Tag ist Louisa bei einer Englischstunde dabei. Die Kinder haben mindestens zwei Stunden Englischunterricht in der Woche. Dieser besteht aus unterschiedlichen Mitsingvideos, Ausmalbildern oder spielerischen Aktivitäten, die auf englischer Sprache begleitet werden. Dabei führt Louisa auch immer wieder kleine Aktivitäten ein. Diese erklärt sie größtenteils auf Englisch und Mrs. Free, die Sprachassistentin der Einrichtung, begleitet dies in katalanischer Sprache. Des Weiteren nimmt Louisa an verschiedenen Tageseinheiten der Gruppen teil. Dabei unterstützt sie die anderen Kolleg*innen bei der Arbeit.

Der Tagesablauf in der Einrichtung stellte sich für Louisa als Besonderheit dar, da dieser sehr schulähnlich in Unterrichtsstunden getaktet ist. Er besteht aus Unterrichtseinheiten, aber auch Freispielzeiten. Dennoch ist gerade der Sprachunterricht ab dem dritten Lebensjahr neu für Louisa. Bei Gesprächen mit den Kolleg*innen über die eher akademische Arbeitsweise und die auch darauf aufbauende Konzeption wurde jedoch deutlich, dass ein Wechsel in den mallorquinischen Einrichtungen im Gange ist. Durch Gespräche erfuhr sie, dass vor etwa fünf Jahren die Kindertagesstätten mit Schulen gleichzusetzen waren. Es sei ein großer Fortschritt, dass nur noch ein Teil der Arbeit dem schulischen Alltag ähnelt und nicht mehr der gesamte Alltag. Das Team der Schule gibt Louisa ein sehr angenehmes, willkommenes Gefühl. Allgemein ist der Umgang in der Einrichtung sehr familiär. Dies bemerkte sie direkt am ersten Arbeitstag, als der Direktor der Schule sie mit einer herzlichen Umarmung willkommen hieß. Alle Kolleg*innen sind ebenfalls sehr herzlich und bieten ihre Hilfe bei jeglichen Fragen über das Leben um und in Palma an.

Die Valentinstags-Woche brachte einen Höhepunkt in das Arbeitsleben der Erasmus-Stipendiatin. Der Karneval kam in die Einrichtung. Dieser wurde in der Einrichtung mit verschiedenen Verkleidungen und spanischer Musik gefeiert. In den ersten Wochen des Praktikums von Louisa waren bis zu drei Gruppen nicht anwesend, dies kam durch die Quarantäneregeln zustande. Diese besagen auf Mallorca, dass die gesamte Kindergruppe in „Zwangsquarantäne“ zuhause bleiben muss, wenn bis zu fünf Kinder oder zehn Prozent der Kinder einer Gruppe an Corona erkranken. Dies wurde dann meist mit Video-Calls oder Online-Unterhaltungsmaßnahmen, wie beispielsweise dem gemeinsamen Kuchenbacken vor der Videokamera, überbrückt.

Nach dem Arbeitstag erkunden wir Palma de Mallorca immer noch viel zu Fuß. Bei einer Größe von etwa 208 Quadratkilometern können wir oft noch eine neue interessante Ecke entdecken. Sonst bestehen unter anderem Pläne für das Wochenende, die uns weiter aus der Hauptstadt der Insel herausführen. Durch die guten Busverbindungen kommt man von der Hauptstation in Palma aus in die unterschiedlichsten Himmelsrichtungen. Nördlich von Palma liegt die malerische Stadt „Port de Sollér“, die mit nur einer Dreiviertelstunde Busfahrt erreichbar ist. Am 20. Februar, einem besonders sonnigen und schönen Tag, besuchten Louisa und Sarah die Stadt.

Das Tramuntana-Gebirge, das mit anderen kleinen Bergen die Stadt wie ein Schutzwall umgibt, bietet viele Möglichkeiten zum Wandern, von denen sicher die eine oder andere noch erkundet wird. Am 20. Februar nahm Jana so an einer organisierten Wanderung zum „Puig de Galatzó“ teil. Der zehnhöchste Berg Mallorcas wurde gegen etwa 15 Uhr von der 30-köpfigen Wandergruppe, die aus Personen aus verschiedenen Ländern der EU bestand, bezwungen. Mithilfe einer Facebook-Gruppe, in der mehrere tausend Erasmus-Stipendiat*innen auf Mallorca sind, werden verschiedene Ausflüge und Angebote, sowie jeden Sonntag eine Wanderung organisiert. Bis auf die anfallenden Fahrtkosten ist die Teilnahme bei den Wanderungen kostenlos. Nach etwa drei Stunden Wanderung, wovon in der letzten halben Stunde viel geklettert werden musste, war der windige und kühle Gipfel des Berges erreicht und bot über vereinzelten Wolken eine fantastische Aussicht über den westlichen Teil Mallorcas, sowie über Palma und über weitere Berge im Herzen der Insel.

Die Freizeitgestaltung unterscheidet sich im Vergleich zu einem touristischen Aufenthalt auf der Insel vor allem darin, dass wir genug Zeit haben, um uns besonders schöne Orte mehrmals anzusehen. So schlagen wir mehrmals in der Woche den einstündigen Fußweg zur nahegelegenen Burg „Castell de Bellver“ ein. Der dazugehörige Wald „Bellver“ beginnt Nahe am Stadtteil Santa Catalina. Durch fast täglichen Sonnenschein und Temperaturen von etwa 14-19 Grad Celsius lockt uns das Wetter viel vor unsere Wohnungstür. Diese befindet sich im vierten Stock eines Wohnhauses mitten in der Altstadt in Palma. Uns gegenüber wohnen zwei Erasmus-Stipendiatinnen aus Schweden, zu denen wir bereits internationalen Kontakt gepflegt haben.

Nach der Arbeit sitzen wir gerne für eine Weile zusammen um den Esstisch und erzählen, was wir heute erlebt haben. Dabei diskutieren wir nicht nur über einzelne Situationen, sondern sprechen auch oft über die spanische Pädagogik, wie sie uns bei unserem Aufenthalt prägt und auch unsere zukünftige pädagogische Arbeit prägen wird. Wir schauen mit viel Zuversicht und Motivation auf die letzten drei Wochen unseres Auslandsaufenthaltes und freuen uns auf das Heimkommen, um von den Erlebnissen zu berichten!

Installation in der Krippeneinrichtung „E.l Mesmenuts“

Der „Patio“ – Das Außenspielgelände für die Kinder im Alter von 0-5 Jahren

Der Essensbereich der vierjährigen Kinder

Der Bewegungsraum in Louisas Einrichtung

Der „Ludodega“ – Ein Rollenspielraum der besonderen Art

Karneval auf Mallorca

Ein Hafen wie er im Bilderbuch stehen könnte - Port de Sóller ist ein UNESCO Weltkulturerbe

Sonntagstour durch den Hafen mit Sonnenschein

Einer der schönsten Orte Mallorcas „Port de Sóller“

Blick auf Palma vom „Puig de Galatzó“

Der Ausblick vom Wald „Bellver“