Ein gutes Gedicht muss Augen öffnen…

13. Gedichte-Projekt „Bewegt-Einzigartig-Jugendlich“ mit Walle Sayer an der Hilde-Domin-Schule Herrenberg für Jugendliche aus dem Bereich Berufliche Vorbereitung

Funke

Als Schriftsteller ist man der ewige Anfänger vor einem weißen Blatt

(Peter Bichsel)

Die 50 Schüler und Schülerinnen aus den Berufsvorbereitungsklassen der Hilde-Domin-Schule konnten gut nachfühlen, was der Horber Dichter Walle Sayer mit dem obigen Zitat von Peter Bichsel meinte, als sie in den Workshops des Gedichte-Projektes „Bewegt-Einzigartig-Jugendlich“ selbst vor einem weißen Blatt saßen und die Aufgabe hatten, ein Gedicht zu schreiben. Aber mit dem „Profi“ an ihrer Seite, gelang es schließlich allen teilnehmenden Jugendlichen ihre Gedanken mit Worten zu verdichten.

Seit dreizehnJahren schafft es Walle Sayer mit viel Fingerspitzengefühl auf die Jugendlichen einzugehen und sie an Lyrik heranzuführen. Vor den Workshops hatten die Jugendlichen Gelegenheit, etwas über sein Leben und Arbeiten zu erfahren.

Seine Biografie verpackte Walle Sayer kurzweilig und spannend, indem er ausgewählte Gedichte und Fotos aus seinem Leben vortrug, interpretierte und illustrierte.
Als er das Gedicht „Die aufgehängten Trikots“ vorlas, wurde schnell klar, dass ein Teil seines Dichterherzens für Fußball schlägt. Dazu brachte er ein Foto mit, das ihn mit seiner damaligen Jugendfußballmannschaft zeigt.
Über das Gedicht „Zahnlückenfoto“ erfuhren die Schüler und Schülerinnen, welche Gedanken ein Vater hat, dessen Tochter erwachsen wird und eigene Wege geht. „Die Unterschrift auf der Generalvollmacht“ ist ein Gedicht, in dem Walle Sayer Beobachtungen über seinen verstorbenen Vater in bewegende Worte verpackt.

„Man liest ein Gedicht so, als ob man in einen Spiegel schaut. Man erfährt etwas über sich selbst. Ich schreibe, um zu erfahren, was ich weiß…“, begründete Walle Sayer seine Leidenschaft Gedichte zu lesen und zu schreiben.

Wie zeitintensiv das Entstehen eines Gedichtes ist, wurde deutlich als Walle Sayer erklärte, dass er an seinem neuen Gedichtband „Mitbringsel“ ungefähr sechs Jahre gearbeitet habe bis es druckfertig war.

Eingestimmt auf das Thema, durften sich die Jugendlichen im zweiten Teil des Gedichte-Projekts selbst ausprobieren. Vor dem Hintergrund, dass Energiewende und Umweltschutz derzeit Jugendliche auf die Straßen und in Bewegung setzen, hatte Walle Sayer das Thema „Was bedeutet dir die Sonne?“ und „Was ist dir wichtig bzw. unwichtig in deinem Leben?“ als Anregung in den Raum gestellt.

Was fühlst du, wenn die Sonne fehlt? Welche Kleinigkeiten gehören zum Wichtigsten im Leben? Was macht dich traurig? Was macht dich glücklich?

Dies waren nur einige der Fragen, die Walle Sayer den jugendlichen Autoren und Autorinnen als Hilfestellung mitgab. Zu diesen oder auch ganz anderen eigenen Themen begannen manche Schülerinnen und Schüler Wörter zu sammeln, andere legten gleich mit kleinen Erzählungen los. In einer konzentrierten Arbeitsatmosphäre schaffte es Walle Sayer mit kleinen Tipps, dass aus diesen Konzepten Gedichte in Rohform entstanden.

Die abschließende Lesung der Schülergedichte war eindrucksvoll, von großer Offenheit und gegenseitiger Achtung geprägt und beeindruckend für die jungen Schriftstellerinnen und Schriftsteller, aber auch für Walle Sayer und die begleitenden Lehrkräfte.

Den Schülern und Schülerinnen der Berufsvorbereitung, welche die deutsche Sprache erst lernen müssen (Klasse VABO – Vorqualifizierungsjahr Arbeit/Beruf mit Schwerpunkt Erwerb von Deutschkenntnissen) brachte Walle Sayer in einer Poesiestunde Gedichte in deren Muttersprache mit. Anschließend verfassten die Jugendlichen Textminiaturen, in denen sie ihr deutsches Lieblingswort erklärten.

Die Organisatorinnen des Gedichte-Projektes, Sibylle Schorpp, Nadja Großmann und Christine Kegreiß, waren sehr zufrieden und freuen sich darauf, wenn eine Auswahl der besten Gedichte, nach ihrer Verfeinerung im Deutschunterricht, bei der Schuljahresabschlussfeier im kommenden Jahr vorgetragen wird.

 

Eine kleine Kostprobe:

Ewige Sonnenfinsternis

Ohne Sonne
wäre die Welt
kalt
dunkel
stimmungslos

Es gäbe
keine Farben
kein Leben
keine Sommernächte
keine Menschen
auf den Straßen

In mir
wäre es
immer kälter
und kälter

 

Florian Nies, BEJ1